Der Vorleser

Bernhard Schlinks Roman *Der Vorleser* aus dem Jahr 1995 ist ein kluges, aber auch schwieriges Buch.

Bernhard Schlinks Roman *Der Vorleser* aus dem Jahr 1995 ist ein kluges, aber auch schwieriges Buch. Komplexe Motive, wie Sexualität, Analphabetismus, Holocaust, Schuld, Moral u. a. bestimmen die Handlung des Romans, der im Wesentlichen die ungewöhnliche und altersungleiche Liebesbeziehung zwischen dem Schüler und späteren Juristen Michael Berg und der Bahnschaffnerin und ehemaligen KZ-Aufseherin Hanna Schmitz darstellt. Schlink hinterlässt in seinem wichtigen Buch einen unsicheren und irritierten Leser, dem es kaum gelingen kann, Sympathie weder für Michael, noch für Hanna zu gewinnen – allenfalls Mitleid. Dies gestaltet sich im Film von Steven Daldry anders, auch wenn er den roten Faden des Buches beibehält. Daldry mutet dem Zuschauer zu, sich emotional den beiden Protagonisten zu nähern, denn er glättet deren fehlerhafte Charaktere. Der im Buch gefühlskalte, beziehungsunfähige und traumatisierte Michael wandelt sich im Film zu einer sympathischeren Figur, die am Ende ihrer Vaterrolle gegenüber Julia gerecht wird. Auch Hanna Schmitz gewinnt im Verhältnis zur Buchdarstellung mehr an Sympathie. Der im Buch als emotionslos dargestellte Charakter der SS-Wachfrau Hanna Schmitz wird im Film umgänglicher beziehungsweise sensibler. Im Film verliert sie ihre absolute und herrische Dominanz, sie erniedrigt Michael nicht nach der Bahnfahrt und schlägt ihn nicht mit dem Gürtel. Demgegenüber sieht man sie im Film vor Rührung in Tränen aufgelöst, als Sinnbild ihrer Läuterung. Dadurch baut der Zuschauer im Gegensatz zum Leser eine positive Beziehung zu Hanna auf, deren Charakter durch das glänzende Spiel der Kate Winslet – zu recht Oscar prämiert – aufgewertet wird. Auch die Doppelrolle Michaels, gespielt vom deutschen Nachwuchstalent David Kross und vom Hollywood erfahrenen Ralph Fiennes, steht in ihrer Ambivalenz der Kate Winslet kaum nach. Störend im Film erschien uns vor allem, dass Hanna Schmitz ihre Briefe in englischer Sprache schreibt, offensichtlich ein billiges Zugeständnis an die amerikanischen Investoren.

Trotz dieser Macken bewirkt der Film eine intensive Beschäftigung mit diesem Motivkonstrukt und hinterlässt eine innere Zerrissenheit beim Zuschauer. Eine wichtige, aber auch schwierige, insgesamt gelungene Literaturverfilmung, auch weil die vielen guten Nebendarsteller wie Bruno Ganz, Susanne Lothar und auch Lena Olin als kühle jüdische Überlebende die Qualität des Spiels deutlich heben!

von NRW 2010 Redaktion SchulKinoWochen am 05.03.2010, Format: Film

Fazit

Geschrieben hat der Text die /Klasse HHU 1, Nell-Breuning-Berufskolleg in Bad Honnef, Fachlehrer Helmut Klöckner, Schülerinnen und Schüler: David, Rebecca, Johanna, Josephine, Sara, Andreas, Markus, Benjamin, Kerstin, Sebastian, Melanie.

Weitere Informationen

  • USA/Deutschland 2008
  • Drama / Literaturverfilmung
  • FSK: ab 12 Jahren
  • Länge: 124 min.

Gesamtwertung

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